Photocredit: Inês Rebelo de Andrade
Rustioni/Piemontesi at the Philharmonie de Luxembourg
(June 2026)
by Pierre Gerges
“So entgegengesetzt können Besuche der philharmonischen Musikbühne geraten, mit demselben vorzüglich auftretenden Orchester und unter der Leitung zweier herausragender Dirigenten! Der Leser dieser Zeitung mag sich noch an den (durch äußere Umstände) zerrissenen Auftritt der »Luxembourg Phiharmonic« unter Gardiner erinnern... und erfreut sich nun eines ungemein stimmigen Musikerlebnisses: das detailfreudige aber effektarme Ausleuchten zweier Meisterwerke des russischen Repertoires, des Dritten Klavierkonzertes von Rachmaninow sowie Schostakowitschs Sechster Sinfonie.
Und immer stärker drängt sich die Überzeugung auf, dass die ausdauernde Aufmerksamkeit und Selbstbeherrschung sowohl der Ausübenden als auch der Zuhörenden für den Genuss des musikalischen Ablaufes (fast) ebenbürtig zu bewerten sind. An diesem Abend ist es den Luxemburger Philharmonikern unter Daniele Rustioni und dem Pianisten Francesco Piemontesi in der Tat hervorragend gelungen, das Interesse des Publikums nicht bloß zu erzwingen, sondern es auch jenseits der etwa zehnminütigen »Schonfrist« wachzuhalten!
Der mit Mozart und Schubert groß gewordene Francesco Piemontesi bestach durch seine erstaunliche Resolutheit, einen erheblichen Teil der dort gewonnenen Feinzeichnung und Durchhörbarkeit, vor allem auch eine unerschütterliche rhythmische Stabilität, in die weitgehend meditativ versunkene (und deswegen wohl zur Selbstdarstellung verleitende) Ästhetik Rachmaninows hinüberzuretten.
Ganz unterschiedlich zur üblichen Klavierkonzert-Dynamisierung wirkte das Orchester am Anfang des Kopfsatzes recht vordergründig entschlossen, so dass das Klavier nicht als Widersacher erschien, sondern durchaus orchesternah sich allmählich aus dem Gesamtgeschehen emporschwang. Francesco Piemontesis »lessons in virtuosity« (Wortlaut des abendlichen Wahlspruchs) benötigten dazu keinen besonderen didaktischen Eifer und noch weniger knalliges Virtuosentum, um die Hörerschaft in die Tiefen der Rachmaninowschen Gefühlswelt zu ziehen!
Und trotzdem wirkte diese Musik nicht im Geringsten objektiviert oder unterkühlt. Es ist diesen Musikern hoch anzurechnen, dass sie diesen »Rach 3«, wie er liebevoll bezeichnet wird, weder als akrobatisch auftrumpfendes »Elefantenkonzert« (Artur Rubinstein) noch als amerikanisierten Pathos des späteren Exil-Russen verstanden! Der zum Bersten gefüllte Saal bedankte sich tobend für diese Virtuosität der Stille.
Beim Eintauchen in das fühlbar abgekühlte Ambiente der Sechsten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch wurde auf Anhieb offensichtlich, wie sehr diese so charakteristische Musiksprache von der unmittelbaren Aufführung an Breite und Tiefe gewinnt, eine bereichernde Erweiterung, die keine andere Übertragungsart zu vermitteln imstande ist.
Das innerorchestral faszinierend bewegliche Geschehen unter der mitreißenden Hand Daniele Rustionis befreite den ausgedehnten Anfangs-»Largo« von seiner genrehaften Behäbigkeit. Das wirkte außerordentlich lebendig und anschaulich, nicht im Geringsten »gespenstisch« oder »grüblerisch«, wie es immer wieder dieser Musik bis in ihre Gene vorgeschrieben wird, wohl um die biografische (zweifelsohne wenig beneidenswerte) Seelennot des Komponisten unter der Stalin-Obrigkeit bis in jeden einzelnen Ton vernehmbar werden zu lassen...
Daniele Rustioni und dem »Luxembourg Phiharmonic« gelingt das drängend spannungsvolle Abheben dieser zusehends sich beschleunigenden Musik bis zum entfesselten »Presto« einfach hinreißend! Da fragt sich niemand, wo die überstürzte Flucht hinführt, denn diese gar nicht soo böse Burleske löste hier vor allem ein unwiderstehliches Gefühl ungehemmten Überschwangs aus.”