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Teuflisch toll: Daniele Rustioni dirigiert „Mefistofele“ in Lyon

In Lyon aber taucht er jetzt zur Spielzeiteröffnung an der Opéra auf, weil darin Chor und Orchester viel zu tun haben. Und weil ihn sich der im zweiten Jahr amtierende, gerade mal 35 Lenze zählende Musikdirektor Daniele Rustioni gewünscht hat. Schließlich stand er elfjährig im „Mefistofele“-Kinderchor auf der Bühne der Mailänder Scala, als dort Riccardo Muti das Werk mit und für Samuel Ramey herausgebracht hat. Und schon damals reifte der Entschluss, einmal selbst den Taktstock in den Händen zu halten.

Daniele Rustioni hat ihn sich erfüllt. Und er hat Recht getan. Gerne hört man dieses schräge, mosaikhafte Patchwork wieder, wo Geniales auf Banales trifft, wo mit den Grenzen der Gattung gerungen wird, ohne sie wirklich zu überwinden, wo es pfeift, raunzt, gellt, wo sich originelle Instrumentation und dürftige Harmonisierung finden, wo die „Faust“-bekannten Figuren nur wenig Tiefe und Profil gewinnen, dafür die Kollektive in einem schrillen, atmosphärisch kontraststarken Bilderreigen durcheinander gewirbelt werden und sich sehr dekorativ auf einer Resterampe arrangieren.

Was Daniele Rustioni ziemlich souverän im Griff hat. Dem entgleitet nichts, weder dynamisch noch tempomäßig, wobei er eher auf der schnelle Seite steht. Aber er lässt es auch generös laufen, wenn bei Boito der juvenile Wille zum Ausdruck überschwappt. Rustioni lässt die Grellheiten krachen, hat aber auch Sinn für die wenigen lyrischen, ja melancholischen Momente dieser buntscheckigen Höllenfahrt als Wahnsinnspartitur inklusive Leitmotivtechnik des damals wabernden „Wagnerismo“. Orchester, Chor und Kinderchor werfen sich mit stimmstarker Wonne in die fordernde, aber eben auch dankbare Klang- wie Sangaufgabe.

Manuel Brug, WELT: Brugs Klassiker

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